Publikation | British Academy of Management
Wo generative KI Expert:innen unterstützt: Erkenntnisse von mehrfach ausgezeichneten Ideator:innen

Die Ergebnisse zeigen ein phasenabhängiges Muster der KI-Unterstützung. Besonders konsequent wird GenAI in der Vorbereitungsphase eingesetzt: zur Beschleunigung von Recherche, zur Synthese von Informationen und zur Strukturierung der Lösungslandschaft. Auch in der Verifizierungsphase spielt GenAI eine wichtige Rolle, insbesondere bei der Weiterentwicklung, Formulierung, Strukturierung und Visualisierung von Ideen.
Im Gegensatz dazu bleiben Inkubation und Illumination, also die Phasen, die stärker mit der Entstehung von Insights verbunden sind, überwiegend menschlich geprägt. KI kann hier Inspiration liefern, Denkanstöße geben oder als Gesprächs- und Sparringspartner fungieren. Die befragten Experten verorteten den Ursprung von Durchbruchsideen jedoch weiterhin vor allem in Erfahrung, Kontextverständnis und menschlichem Urteilsvermögen.
Die Studie spricht damit eher für Komplementarität zwischen Mensch und KI als für eine gleichmäßige Erweiterung menschlicher Kreativität durch KI. GenAI verbessert insbesondere den Zugang zu und die Rekombination von explizitem Wissen, während implizites Wissen, das auf Erfahrung und Kontextverständnis basiert, für herausragende Ideenentwicklung zentral bleibt.
Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick
1. Der Nutzen von KI hängt von der Phase des kreativen Prozesses ab
Die Studie zeigt nicht, dass GenAI den gesamten kreativen Prozess gleichermaßen unterstützt. Vielmehr unterscheidet sich ihre Rolle je nach den kognitiven Anforderungen der jeweiligen Phase.
GenAI wird insbesondere in der Vorbereitung und Verifizierung eingesetzt, während Inkubation und Illumination überwiegend menschlich geprägt bleiben.
2. In der Vorbereitung ist GenAI besonders hilfreich
Bevor eine Idee entwickelt wird, müssen Expert:innen zunächst die Aufgabenstellung, Kunden- und Nutzerbedürfnisse, bestehende Technologien und Lösungen sowie die relevante Lösungslandschaft verstehen.
Die Befragten nutzten GenAI, um diesen Prozess zu beschleunigen, beispielsweise um Hintergrundinformationen zusammenzutragen und zu verdichten, bestehende Lösungen zu identifizieren oder spezifische technologische Fragen zu untersuchen.
Die Verantwortung für Problemverständnis, Kontext und Relevanzbewertung blieb jedoch bei den Expert:innen.
3. KI kann die Inkubation stimulieren, ersetzt sie aber nicht
In der Inkubationsphase beschrieben die Teilnehmenden einen eher indirekten Denkprozess: Das Problem bleibt im Hintergrund präsent, während sie anderen Aktivitäten nachgehen.
GenAI kann diesen Prozess unterstützen, indem sie Inspiration liefert oder als interaktiver Gesprächspartner dient. Ein einzelnes Wort, eine Formulierung oder eine Antwort kann dabei einen neuen Gedankengang auslösen.
Die eigentliche unbewusste Verarbeitung und die Verbindung mit Erfahrungswissen blieben jedoch überwiegend menschlich.
4. Durchbruchsideen bleiben überwiegend menschlich geprägt
In der Illumination kristallisiert sich eine Idee heraus und eine neue Einsicht entsteht.
Die Teilnehmer:innen nutzten GenAI teilweise, um mögliche Richtungen zu erkunden oder neue Assoziationen anzustoßen. Auch bei der Formulierung oder Benennung von Konzepten konnte KI unterstützen.
Gleichzeitig beschrieben die Expert:innen viele KI-Vorschläge als zu allgemein, vorhersehbar oder nicht ausreichend auf die spezifischen Kontextbedingungen abgestimmt. Die Entstehung tragfähiger Durchbruchskonzepte wurde weiterhin primär der eigenen Erfahrung, dem Verständnis des Problems und dem menschlichen Urteil zugeschrieben.
5. Bei der Weiterentwicklung und Darstellung von Ideen ist KI besonders nützlich
In der Verifizierungsphase werden Ideen bewertet, weiterentwickelt und für die finale Darstellung vorbereitet.
Hier unterstützte GenAI unter anderem beim Schreiben, Strukturieren, Editieren, Visualisieren und beim Überprüfen, ob die Anforderungen einer Aufgabenstellung vollständig berücksichtigt wurden.
Die schnelle Erstellung von Visualisierungen kann zudem ermöglichen, Ideen auszuprobieren und darzustellen, deren Visualisierung zuvor zu aufwendig gewesen wäre.
6. Menschliches Urteilsvermögen bleibt unverzichtbar
KI-generierte Ergebnisse müssen nicht automatisch korrekt, praktikabel oder passend sein.
Die Teilnehmer:innen beschrieben deshalb die Notwendigkeit, Vorschläge zu prüfen, Informationen zu validieren, die Machbarkeit zu bewerten und ungeeignete Ergebnisse auszusortieren. Dies ist insbesondere relevant, weil KI-Lösungen plausibel wirken können, obwohl sie unpraktikabel oder auf falschen Informationen beruhen.
7. Explizites und implizites Wissen erklären die unterschiedliche Rolle von KI
Die Studie interpretiert die Ergebnisse aus einer wissensbasierten Perspektive.
GenAI eignet sich besonders für den Zugriff auf, die Synthese und die Rekombination von explizitem Wissen – also Wissen, das formuliert, kodifiziert und übertragen werden kann. Implizites Wissen hingegen basiert auf Erfahrung, Kontextverständnis, Intuition und Urteilsvermögen. Die Studie legt nahe, dass dieses implizite Wissen nicht nur bei der Bewertung von KI-generierten Ideen wichtig ist. Es spielt bereits bei der Inkubation und Illumination eine zentrale Rolle, also bei der Entwicklung vielversprechender Ideen.
Was bedeutet das für das Innovationsmanagement?
GenAI kann insbesondere als leistungsfähiges Werkzeug für Recherche, Weiterentwicklung und Darstellung von Ideen eingesetzt werden, während Raum für menschliche Reflexion und die Entstehung von Einsichten erhalten bleibt.
Die Expert:innen nutzten GenAI selektiv und kritisch, anstatt ihre Ergebnisse ungeprüft zu übernehmen. Daraus ergibt sich die Bedeutung von Fähigkeiten wie Prompt-Gestaltung, kritischer Bewertung und der Integration von KI-Ergebnissen in fachspezifische Arbeitsweisen.
Die Studie legt nahe, dass Unternehmen nicht nur fragen sollten: „Wie können wir GenAI nutzen, um mehr Ideen zu generieren?“ Eine möglicherweise wichtigere Frage lautet: „An welcher Stelle unseres kreativen Prozesses schafft GenAI tatsächlich Mehrwert?“
Niclas Kröger (Vice President Innovation, HYVE)
Gleichzeitig ist Vorsicht geboten, wenn GenAI für die zentrale Ideenentwicklung in Situationen mit hoher Kontextkomplexität oder starker fachlicher Spezifität eingesetzt wird. Die übergeordnete Botschaft lautet daher weder, dass KI aus kreativen Prozessen herausgehalten werden sollte, noch, dass sie diese übernehmen sollte. Vielmehr können menschliche Expertise und GenAI unterschiedliche, sich ergänzende Rollen übernehmen.
GenAI erweitert den Zugang zu explizitem Wissen, beschleunigt Recherche und stärkt die Möglichkeiten zur Darstellung und zum Prototyping. Menschliche Experten bringen Kontextverständnis, erfahrungsbasierte Rekombination und evaluatives Urteilsvermögen ein. Für Unternehmen kann es deshalb sinnvoller sein, kreative Prozesse gezielt auf diese Komplementarität auszurichten, anstatt KI als Ersatz für Expertenwissen zu betrachten.
Über die Studie
Die Studie basiert auf semi-strukturierten Interviews mit acht mehrfach ausgezeichneten Ideengeber:innen, die in kompetitiven Crowdsourcing-Wettbewerben mit realen organisatorischen Herausforderungen wiederholt erfolgreiche Lösungen entwickelt hatten.
Die Analyse orientiert sich am Vier-Phasen-Modell des kreativen Prozesses nach Wallas: Preparation, Incubation, Illumination und Verification.